Auszüge aus ausgewählten Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Walter Machtemes*
Aus Medizinische Sozial(fall)forschung (1994):
„Der Kranke ist nicht nur für sich krank. Er weist mit seinem Leiden immer auch hin auf die Eigenarten und den Zustand der Gemeinschaft, in der er lebt. Eine Erkrankung ohne ihren sozialen rahmen zu erfassen, bedeutet, bewusst einen Informationsverlust hinzunehmen. Der Beschränkung der Sichtweise wäre dann notwendig eine Schmälerung der Erklärungsmöglichkeiten und der Heilungschancen zuzuordnen“
Aus Mahner und Warner von gestern (1986):
„Die Anstrengungen der Philosophen scheinen zu allen Zeiten gleichgerichtet zu sein. Sie setzen sich ein für den Gebrauch der Vernunft zum Zwecke der Erklärung und Belebung leerer Formeln, der Befreiung von vorgefundenen Fesseln und Beschränkungen. Als Kritisierender beweist der Einzelne einen doppelten Lebensbezug. Er spürt die eigenen Antriebe und Notwendigkeiten und richtet sich aus auf die Realitäten des Alltags. In der inneren Haltung der Auflehnung und der äußeren der Ablehnung werden Denken und Kritik zur Praxis des Lebensvollzugs“
Aus Im Zweifel für die Weisheit (1993):
„Die höchste Stufe der Phisophie aber ist die Weisheit. Diese hat so wenig mit dem Ergreifen und Beherrschen der Realität zu gemein wie die Liebe Gottes mit der Macht eines weltlichen Tyrannen. Weisheit bedeutet Erkenntnis der Dinge, ohne sie sich zunutze machen zu wollen. Der Weise lebt in der Grundeinstellung, zulassen und seinlassen zu können. Man erwartet von ihm Einsicht und Weitsicht, die Kraft des Verstandes und der rechten Entscheidung sowie die Bereitschaft, sich voll und ganz einzugeben und sich dem Fragenden zu öffnen“
Aus Angenommen es gäbe mich nicht. Positionen des Pessimismus (2000):
„Mancher schaut in den Spiegel und glaubt, seinen Augen nicht trauen zu können. Gehört dieses Gesicht wirklich ihm? Der fremde Blick kennt ihn nicht; das spöttische Lächeln zeigt dem Betrachter Geringschätzung und Verachtung. Das Spiegelbild ließe sich wie eine unpassende Fotografie weitergeben: Ich nehme an dies ist ihr Bild, ich habe es nie gesehen … Nicht selten erscheinen der Spiegel und das Spiegelbild leer. Wie vieles in der Welt erlebt man sich selbst als Schein. Leerer Schein hinter dem sich das Nichts verbirgt; und das Ich scheint verloren ohne einen Hinweis, wann und wo es zu suchen lohnt“
Aus GesundZeit. Medikon-Jahrbuch (2003):
„Das vorliegende Jahrbuch könnte und dürfte auch mit dem Titel Ja-Buch überschrieben werden. Der selbstbewusste Mensch beginnt jeden Tag mit einer entschiedenen mehrfachen Bestätigung: Ja, ich stehe zu mir und dem was heute vor mir liegt. Ja, ich nehme die Welt und ihre Bedingungen als Herausforderungen für mich an. Ja, ich erachte alles, was mir heute begegnet als wandlungs- und/oder gestaltungsfähig. Ja, ich selbst beurteile und bewerte die Ereignisse und sogenannten Fakten. Die Dinge erhalten über meine Sinne, meine Fühlfähigkeit und meine Vernunft ihre Bedeutung … Gesundsein wird als weitaus mehr gedeutet werden müssen als das Schweigen der Organe. Das Heilsame lässt sich ableiten aus dem aufgebauten Zusammenhangssinn und der erfahrenen individuellen Bedeutung, der Kritikfähigkeit und den mobilisierbaren Ressourcen“
Aus Ein Tabuthema. Zwangsarbeit in Oberhausen 1939-1945 (1998):
„Zwangsarbeit war ein Ergebnis, vielleicht sogar die notwendige Folge der planmäßig umgesetzten Großmacht-vorstellungen der Nationalsozialisten. Mit der maßlosen Vergrößerung des Reichsgebiets und der exzessiv gesteigerten Kriegswirtschaft war der Arbeitskräftebedarf weitaus größer, als sich durch die arbeitsfähige deutsche Bevölkerung abdecken ließ. Es lässt sich leicht postulieren, dass unter ähnlichen Voraussetzungen Geschichte wiederholbar erscheint …. Man hatte sich an die Gruppen marschierender Fremdarbeiter gewöhnt, die an jedem Morgen und an jedem Abend an den Wohngebieten vorbeigeführt wurden zum Ort ihrer Zwangsarbeit oder zu den abgeschirmten Lagern mit den für viele Anwohner kaum bekannten Disziplinierungs- und Regelsystemen“
Aus Medizinsoziologie: Soziologie der Krankheit (1998):
„Die Ideologie der Selbstverschuldung (victim blaiming) repräsentiert das Scheitern eines Medizinkonzepts, das die umfassende Begründung von Krankheit ausschaltet und, da sie den Prozess der Heilung lediglich individualisiert, vor den immer weniger beherrschbaren chronischen Erkrankungen kapitulieren muss. … Die ausgreifende Kritik der Gesundheitsgefährdung durch Umwelt-, Arbeits- und allgemeine Lebensbedingungen wird untergraben und infolge entsprechender ideologischer Formung des Einzelnen von den Betroffenen selbst her aufgehoben. Damit wird der Zugang zu den eigentlichen primären Ursachen von Krankheit erschwert oder fast unmöglich gemacht“
Aus Sozialepidemiologie/Public Health (infernum 2002):
„Soziale Strukturen und komplexe Gesellschaftssystem können ebenso wie Individuen krank oder gesund sein bzw. krank machen oder gesund erhalten. Die Suche nach Störungsursachen muss in diesem Fall sowohl Medizinern wie Sozialwissenschaftlern aufgegeben werden. Therapiefunktionen sind von einem wesentlich weiteren Kreis von Behandlern zu übernehmen. Der Begriff Public Health steht für eine fachliche sowie für eine politische Willenserklärung. Der Auftrag der Gesunderhaltung wird „veröffentlicht“. Das heißt der Schwerpunkt der bisher überwiegend ärztlichen Interventionen soll von der patientenzentrierten Krankheitsbehandlung verlagert werden auf generelle interdisziplinär verankerte Strategien der Prophylaxe, Stichwort: Salutogenese“
Aus Aspekte der Soziosomatik (infernum 2002):
„Die Ideologie einer Gemeinschaft spiegelt sich in ihrer Lebenswelt wider. Entwicklungen und Wandlungsprozesse sind dabei nicht durchgehend als „Fortschritt“ zu bewerten. Induzierte Veränderungen der Welt können auf unterschiedlichen Ebenen Störungen bewirken. Ökosysteme, Gemeinschaftssysteme, psychische und Organsysteme erkranken an und in ihrer Lebenswelt … Mit der vorliegenden Kurseinheit soll ein sozial- und kulturkritisches Bewusstsein für Umweltstörungen erarbeitet werden, die Menschen „kränken“. Hinter abstrakten Diagnosen sind komplexe Lebenszusammenhänge verborgen, die in die medizinische Analyse und Therapie einbezogen werden müssen“
*: Ein ausführliches Verzeichnis aller Schriften von Prof. Dr. Machtemes finden Sie auf der Homepage seiner Praxis für ärztliche Psychotherapie in Oberhausen.